Andacht

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich mir überlege, was sich durch das Aufkommen der Corona-Pandemie geändert hat, dann ist es für mich die Erkenntnis:

wir leben ohne Sicherheiten! 

 

 

Früher habe ich alles selbstverständlich genommen, habe mich in gewisser Weise auch ausgeruht auf der Erfahrung: „es wird schon alles wieder werden“ – „bisher hat ja auch alles ganz gut geklappt“. Man könnte auch sagen: „ich habe mich in Sicherheiten gewiegt“.

An dieser Stelle werde ich stutzig: stimmt der Ausdruck? Muss es nicht heißen „gewogen“? Ich finde eine Glosse im Internet: „Heißt es nun ‚wiegen, gewogen‘ oder eher ‚wiegen, gewiegt‘? Es ist klar: bei einer Unwetterwarnung stellt man sich nicht auf die Waage, aber man kann sich in Sicherheit wiegen, weil man meint, das Haus schützt mich schon. Vielleicht gehört einfach Wagemut zum Wiegen…“

=> dieser Hinweis macht auf etwas aufmerksam: das Gegenteil von Sicherheiten ist das Wagnis oder das Risiko. Was bedeutet das für den Glauben? Haben wir vergessen, das Glauben ein Wagnis ist? Dass das Leben ein Risiko bleibt? Ich habe es nicht selbst in der Hand. Ich kann noch so viel Rechnen, aber ob es gut ausgeht, liegt nicht an mir! Haben wir uns als Christen daran gewöhnt, den Erfolg als gesichert einzukalkulieren? Und das heißt doch gleichzeitig, dass wir uns eingerichtet haben, dass wir uns im Vertrauten ausruhen und allem Neuen skeptisch gegenüber stehen.

Die Corona-Krise hat einiges aufgedeckt, was vorher schon da war, vor allem hat sie ans Tageslicht gebracht, wo Probleme überdeckt oder kleingeredet wurden. So wird gefragt, welche Rolle die Kirche noch spielt in der Gesellschaft – und die Presse bringt Austrittszahlen und malt ein düsteres Bild an die Wand. Doch die Zahlen stammen schon von 2019 – vor Corona. Das Problem ist lange bekannt und auch bedacht worden. Nur: welche Konsequenzen ziehen wir daraus? - Zum Thema „Leben ohne Sicherheiten“ fiel mir der Text aus dem Jakobusbrief ein. Er spricht nun zunächst vom alltäglichen Leben, von meinem Planen und Tun, von der Selbstverständlichkeit, mit der ich meine: alles wird gelingen, wie ich es mir vornehme.

Doch ein Satz rüttelt auf, den gab es noch lange im Sprachgebrauch, aber haben wir ihn heute noch verinnerlicht? Da heißte es: Ihr solltet lieber sagen: »Wenn der Herr es will, werden wir am Leben bleiben und dies und jenes tun.«

Als ich Student war und mich von einem älteren Pfarrer mitnehmen ließ zu einem Einkehrwochende, beendete er die Verabredung mit dem Kürzel „SCJ“ – „Sub conditione Jacobaea“, auf Deutsch: „So Gott will und wir leben“. Das hat fast einen fatalistischen Klang, doch wenn man genauer hinhört, geht es um das Vertrauen, dass Gott mein Leben in der Hand hat, dass ich mich ihm und seinem Ratschluss überlasse: „Wenn Gott will, werden wir leben und dies oder das tun.“ Es ist wie ein Vorzeichen: ich stelle mich unter Gottes Schutz, ich überlasse mich ihm.

Aber damit ist kein blindes Vertrauen gemeint. Wir sind keine Kinder mehr, die blind vertrauen, wir sind erwachsen und verantwortlich für uns und für das Leben anderer. So endet dann auch unser Ausschnitt aus dem Jakobusbrief mit den Worten: „Wer Gutes tun kann und es nicht tut, macht sich schuldig.“ Ich plane, nehme mir dies oder das vor und ich bitte um das Gelingen. Aber ich mache alles unter dem Vorbehalt: „So Gott will und wir leben…“ Und dann bleibe ich achtsam und bemühe mich um eine gute Umsetzung. Zwei Dinge spricht Jakobus an: das Reisen und das Geschäftemachen.

Beides ist in Corona-Zeiten eine Sorge oder auch ein Problem. Das Reisen wurde endlich wieder erlaubt, und jetzt beklagt man sich über die Leichtsinnigkeit mancher, die nur ihre eigene Freiheit im Blick haben, aber scheinbar kein Verantwortungsgefühl anderen gegenüber. Dazu gehört natürlich auch das Geschäftemachen – einmal an andere gedacht, die Reiseveranstalter und das Tourismusgewerbe: bei einem verstärkten Ausbruch der Infektionszahlen werden wieder Einschränkungen nötig, Läden und Gaststätten müssten wieder schließen. Und wie lange reicht die Wirtschaftshilfe für Betriebe und Mitarbeiter_innen? Abgesehen davon, dass viele durch das Raster fallen.

Die Corona-Krise hat einiges aufgedeckt, was vorher schon da war: dazu gehört in der Fleischverarbeitung und auch in der Landwirtschaft, das System der Subunternehmen, die Leiharbeiter, die schlechter abgesichert sind und in prekären Verhältnissen leben müssen. Die Bilder gehen mir nicht aus dem Kopf von den aufeinander gestapelten Containern in denen sie leben – und dann noch eingezäunt, damit sie auch ja die Quarantäne einhalten.

Und wir als Verbraucher haben davon nichts gewusst oder es einfach ignoriert. Keiner wollte seine Sicherheiten infrage gestellt sehen. Die Lebensmittel müssen zu günstigen Preisen immer im Supermarkt vorrätig sein. Aber auf wessen Kosten? Diese Frage kommt jetzt ans Tageslicht. Brauchen wir das so, wie es war – oder könnte es auch anders sein, selbst wenn die Kosten steigen. Wenn dafür die Lebensbedingen derer verbessert werden, die dafür arbeiten müssen.

Ich hatte gesagt: „das Gegenteil von Sicherheiten ist das Wagnis oder das Risiko.“ Jetzt ist die Zeit, neues zu wagen, Dinge zu verändern, die falsch laufen. Dazu müssen wir unsere Politiker ermutigen, indem wir selbst bereit werden, etwas zu ändern. Wie schön wird das in Psalm 40, 10 ausgedrückt? „Ich verkündige Gerechtigkeit in der großen Gemeinde. Siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen…“ Es geht ja nicht nur darum, dass wir den moralischen Zeigefinger erheben, sondern dass wir uns für Gerechtigkeit einsetzen, damit alle Menschen das „Leben in Fülle“ erreichen können. Vor allem aber: als Christ lasse ich mir nicht das Maul stopfen, ich gebe mich nicht ab mit dem Bestehenden. Als Christen wissen wir: ein Leben mit Sicherheiten gibt es nicht. Es bleibt ein Wagnis…

Amen

Christian Sandner